Die Schreiberin

DIE SCHREIBERIN

Manche Gedanken kommen erst, wenn niemand mehr zuhört.
Manche Wahrheiten zeigen sich erst, wenn man aufhört, stark zu sein.
Und manche Texte schreibt man, weil sie sonst nirgendwohin passen –
außer auf eine weiße Seite, in eine stille Zeile, in ein offenes Herz.

In dieser Rubrik schreibe ich –
nicht aus einer Rolle heraus,
nicht im Namen eines Angebots,
sondern einfach: ich selbst.

Diese Texte sind persönlich.
Manchmal roh.
Manchmal still.
Aber immer wahr.
Nicht, weil ich etwas erklären will.
Sondern, weil es an der Zeit ist,
nicht länger zu schweigen.

Liebe Traurigkeit,

du bist schon so lange bei mir,
dass ich gar nicht mehr weiß,
wann du das erste Mal aufgetaucht bist.

Du warst da, wenn andere gingen.
Du bist geblieben, wenn niemand gefragt hat.
Du hast mich umhüllt,
wenn ich mich selbst nicht mehr spüren konnte.
Du warst nicht immer sanft –
aber du warst da.

Ich habe versucht, dich wegzuschieben,
dich zu betäuben,
dich zu ignorieren.
Aber du bist immer wieder gekommen –
nicht, weil du böse warst,
sondern, weil du wusstest:
Ich war noch nicht bereit, dich wirklich anzusehen.

Heute tue ich es.

Ich sehe dich.
Ich sehe, wie du mich beschützt hast.
Wie du mich still erinnert hast
an das, was gefehlt hat.
An das, was ich nie sagen durfte.
An das, was ich vermisst habe –
in mir und um mich herum.

Ich weiß nicht,
ob du bereit bist, dich zu wandeln.
Aber ich bin bereit, dir zuzuhören.
Nicht mehr als Feindin.
Sondern als Teil von mir.
Ein Teil, der traurig war,
weil ich so viel verloren habe –
und doch nie ganz aufgegeben.

Wenn du eines Tages gehen willst –
oder dich leiser machen –
dann darfst du das.
Ich werde dich nicht halten.

Und wenn du bleibst –
dann wünsche ich mir,
dass du nicht mehr so schwer bist.
Dass du nicht mehr flüsterst:
„Du bist allein.“
Sondern vielleicht irgendwann sagst:
„Ich bin der Beweis, dass du fühlst.“

Ich danke dir,
dass du mir geblieben bist,
wenn ich mich selbst vergessen habe.

Und vielleicht
gehen wir gemeinsam
ein Stück weiter.
Leichter.
Wahrhaftiger.
In Frieden.

Nora

Ich weiß, dass du dein Bestes gegeben hast.
Aber ich weiß auch, dass es Momente gab, in denen du mich nicht gesehen hast.
Nicht wirklich.
Nicht so, wie ich es gebraucht hätte.

Ich weiß, dass du selbst eine Geschichte trägst.
Eine Geschichte voller Angst und Kontrolle.
Voller Schweigen – und Flucht in Dinge, die das Schweigen erträglicher machen sollten.
Ich weiß, dass du vieles in dir halten musstest.
Mit aller Kraft.
Und manchmal darüber hinaus.

Ich ahne, dass das, was du mir gegeben hast, oft gar nicht deins war.
Sondern das Echo von etwas, das du selbst nie heilen konntest.

Ich habe dich lange dafür verurteilt.
Dafür, dass du mich nicht gehalten hast, als ich fiel.
Dafür, dass du mich nicht geschützt hast, als ich klein war.
Dafür, dass du selbst so klein geblieben bist – obwohl du doch Mutter warst.

Heute sehe ich dich anders.
Nicht idealisiert. Nicht entschuldigt.
Aber vollständiger.

Ich sehe das Mädchen in dir, das nie zur Frau werden durfte.
Ich sehe die Angst in dir, die du betäubt hast.
Ich sehe die Sehnsucht in dir, die du mit Mitteln und Mustern niedergerungen hast –
mit dem, was dir half, nicht zu fühlen.
Und ich sehe die Mutter in dir –
die du vielleicht geworden wärst, wenn dein Leben ein anderes gewesen wäre.

Und ich frage mich manchmal,
ob der letzte Schritt, den du gegangen bist,
dein einziger Ausweg war,
um endlich still zu werden.
Nicht aus Trotz.
Nicht aus Schuld.
Sondern aus einer tiefen, erschöpften Sehnsucht nach Frieden.

Ich kann nicht alles vergessen.
Und ich muss es auch nicht.

Ich habe mich entschieden,
den Platz in meinem Herzen nicht länger mit Bitterkeit zu füllen.
Sondern mit Mitgefühl.

Für dich.
Für mich.
Und für die Stille dazwischen.

Und vielleicht,
jenseits all dessen, was war,
jenseits von Schmerz, Versäumnis und Sehnsucht –
weiß ein Teil von mir längst:

Wir werden uns wiedersehen.

… und dann legte ich den Stift weg

ich hörte auf,
das alte Kapitel umschreiben zu wollen.

ich hörte auf,
die alte Geschichte immer und immer wieder zu erzählen,
zu erklären –
anderen und mir selbst.

Lange hatte ich gesucht.

Nach einer Ursache.
Nach einem Anfang.

Ich hatte nach mir gesucht.
Das tue ich noch.

Vieles hatte ich längst verstanden.

Nun ist es Zeit.

Ich schlage das Buch zu.

Langsam.
Liebevoll.
Mit Respekt vor mir selbst.

Lange lag es auf meinem Nachttisch,
jeden Morgen griffbereit.

Jetzt stelle ich es in das Regal.

Es bleibt für immer bei mir.

Vielleicht nehme ich es eines Tages noch einmal zur Hand.
Vielleicht auch nicht.

Die Geschichte ist erzählt.

Ich nehme nichts mehr weg.
Ich füge nichts mehr hinzu.

Ich nehme den Stift wieder in die Hand.

Doch diesmal
schreibe ich
ein neues Buch.

Ich bin nicht eine.
Ich bin viele.

Ich bin die, die anpackt,
wenn alle anderen zögern.
Die, die den Weg sieht,
wenn kein Schild mehr da ist.
Die, die still wird –
nicht aus Schwäche,
sondern weil es innen laut wird.

Ich bin die Kleine,
die manchmal staunt,
manchmal weint
und manchmal einfach nur fragt.
Ich bin auch die,
die geht,
wenn andere bleiben.
Die eine Grenze zieht –
und damit manchmal rettet,
was noch zu retten ist.

Ich bin die,
die sich nicht immer zeigen kann.
Die noch lernen muss,
dass Nähe nicht Verlust bedeutet.
Die spürt, dass da ein Teil in ihr wartet –
auf Vertrauen,
auf einen Raum,
in dem sie nicht stark sein muss.

Und ja,
ich bin auch die,
die traurig in der Ecke sitzt,
still,
müde vom Weltverstehen.
Auch das bin ich.

Ich bin viele –
und das ist gut so.

Denn auch die,
die noch werden will,
gehört längst dazu.

🌿HINWEIS

Ich schreibe auch für andere – wenn du dir Worte wünschst, die deine Geschichte berühren.

Manchmal fehlen uns die Worte.
Oder wir spüren, dass sie irgendwo in uns schlummern –
aber sie finden nicht hinaus.

Ich helfe dir dabei,
deine Gedanken in eine Sprache zu bringen,
die ehrlich ist.
Behutsam.
Und klar.

Für dich selbst.
Oder für einen anderen Menschen.
Für einen Abschied. Eine Bitte. Ein Wiedersehen.
Für das, was gesagt werden will –
auch wenn es leise ist.